Mythos Priestermangel
Georg Plank

Mythos Priestermangel?

Kirchen und Christ:innen sind nicht davor gefeit, von falschen Urteilen und Grundlagen auszugehen. Das kann zu unüberlegten Entscheidungen mit negativen Wirkungen führen. Das lässt sich gut am Beispiel des Priestermangels verdeutlichen. Fast alle Katholik:innen sind überzeugt, dass der Mangel an Priesterberufungen ein gravierendes Problem sei. Viele strategische Entscheidungen basieren auf dieser Annahme. Deshalb wird das jahrhundertelang existierende flächendeckende Netzwerk an Pfarrgemeinden in vielen Diözesen radikal umgebaut.
Wie schaut es aber tatsächlich mit dem Priestermangel aus? In meiner Heimatdiözese Graz-Seckau betrug die Gesamtzahl der pastoral tätigen Hauptamtlichen in den 50er Jahren und in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends jeweils etwa 2000 Personen. In der Aufbruchsphase nach dem 2. Weltkrieg waren über 90% dieser professionell ausgebildeten, kirchlich angestellten und vom Bischof gesendeten Personen Priester und Ordensleute. 50 Jahre später betrug der Priesteranteil nur mehr knapp 25%. Das heißt: Die Gesamtzahl pastoraler Profis ist nicht gesunken! Mittlerweile haben Frauen und Männer, Verheiratete und Unverheiratete das Spektrum der Seelsorger:innen vielfältiger gemacht und so die seelsorglich-pastorale Arbeit bereichert.
Halten Sie das für Schönrederei? Oder eröffnet diese faktenbasierte Betrachtungsweise neue Möglichkeiten für eine zukunftsorientierte Personalentwicklung? Denn es lässt sich nachweisen, dass die Pluralisierung kirchlichen Personals zu einer Verbuntung und Ausweitung kirchlicher Handlungsfelder geführt hat. Dadurch entstanden viele bemerkenswerte Beispiele von neuen Formen der lebensnahen Verkündigung. „Zeichen und Werkzeug für die Liebe Gottes mitten in der Welt zu sein“ (Lumen Gentium 1), das geschah und geschieht heute auf vielfältige Weise in Schulen, Krankenhäusern, diakonischen Einrichtungen, bei erlebnispädagogischen oder entwicklungspolitischen Aktivitäten, in der Bildungsarbeit und mittlerweile auch in diversen Online-Präsenzen.

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Georg Plank·Vor 2 Wochen ·2 min. Lesedauer
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3 Kommentare
  1. Priestermangel!
    Mein Eindruck ist, dass es seelsorglichen Mangel gibt oder zumindest den Mangel einer kirchliche Wahrnehmung der neuen Formen der Seelsorge. Da die Fokussierung in weiten Teilen immer noch auf die Person des Priesters liegt, bleiben viele Aspekte unbeachtet. Ebenso ist es mit Entscheidungen, wie es in Pfarren, Seelsorgeräumen weitergehen kann, wie neue Ideen ihren wahrnehmbaren Platz bekommen können. Solange vieles noch durch das Nadelöhr der Person des Priesters gehen muss, solange wird sich ein Erwartungsstau ergeben, der den kirchlichen „Frust“ oft nicht unbedingt vermindert. Ein vielschichtiger Organismus, der nicht mehr mit einer Stimme leitbar ist. Das sollte sich auch in der gelebten Struktur der heutigen Pfarren niederschlagen.

  2. Einen Mangel an theologisch ausgebildeteten hauptamtlichen Pastoralassistent*innen gibt es aber sicherlich. In Salzburg können nicht mehr alle Stellen besetzt werden. Die Student*innen der Theologie gehen an der Uni Salzburg radikal zurück. Wir bekommen ein echtes Personalproblem.

  3. Könnte es sein, dass hier wesentlich die Begriffsausrichtung ist?
    Mich wundert immer wieder, dass beim Priestertum nicht als Erstes Jesus Christus in den Blick kommt. Und meist ist das gemeinsame Priestertum der Getauften leider weiter weg, als es für eine lebendige Kirche angemessen ist. Die Frage ist ja, was die Menschen, die eine bezahlte Aufgabe in der Kirche haben, als Ausrichtung leben sollten. Eph 4,11f – die Zurüsten der Heiligen für ihren Dienst – ist für mich zukunftsfähig.
    Oft wird Kirche als Dienst der Profis wahrgenommen – klerikal nennt diese Blickrichtung unser Papst. In meiner Wahrnehmung der Bibel ist sie nicht neu – Propheten und gerade auch Jesus haben sich mit mehr oder weniger bleibendem Erfolg dagegen eingesetzt.
    Dieser Mangel an gelebtem gemeinsamen Priestertum der Getauften existiert in vielen Pfarreien, d.h. Getaufte (Glieder des Volkes Gottes == Laien) geben ihr Christsein an die hauptamtliche Person ab, und diese akzeptiert diese oft höflich vorgetragene Bitte, ohne zu merken, wie so das ganze System geschwächt wird.
    Treibende Kraft bei dieser ,,sündigen Komplizenschaft“, so beobachtet Papst Franziskus in diesem Zusammenhang, ist die Bequemlichkeit.

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