Geistliche Aufbrüche
Georg Plank

Schlüssel Nr. 3: Geistliche Aufbrüche

Heute benenne ich ein besonders heikles Thema in der deutschsprachigen Kirchenwelt. Es geht um die zunehmende Polarisierung, ja Spaltung zwischen traditionellen Kirchenwelten und den sogenannten neuen geistlichen Aufbrüchen. Das Thema ist nicht neu. In der Kirchengeschichte gehörte es sogar zum Normalfall. Denn nichts passiert leichter, als dass nach einer charismatischen Gründungsphase und einer effizienten Organisationsentwicklung ein Prozess der Sättigung und des Abstiegs folgt. In dieser kritischen Phase sind neue Aufbrüche, kritische Bewegungen als frischer Schwung unerlässlich. Sonst droht fortgesetzte Rückgang und Verfall.

Kirchenhistorisch lassen sich drei Möglichkeiten feststellen. Viele neue Bewegungen wurden als ketzerisch verurteilt und verfolgt. Andere wurden zwar kirchlich anerkannt, aber in das bestehende System integriert und konformiert. Ihr ursprünglich revolutionäres Potential wurde rasch gezähmt und erstickt. Selten aber doch gelang es, tatsächlich frische Würze in das bestehende System zu bringen und es so von innen heraus zu erneuern.

Diese dritte Möglichkeit halte ich für die konstruktivste. Sie wird derzeit kaum praktiziert, im Gegenteil. Da ich in beiden Welten unterwegs bin, nehme ich massiv gegenseitige Geringschätzungen, Abwertungen und Pauschalverurteilungen wahr. Aktuell werden vor allem neue geistliche Aufbrüche, die im weltweiten Kontext dem Evangelikalismus (vgl. John Allen) zuzuordnen sind, in ein Eck gedrängt, durch eine Kultur des Misstrauens diffamiert oder eifersüchtig vom bisherigen Futtertrog ferngehalten. Ihre Erfolge werden säuerlich schlecht geredet oder als Manipulation diffamiert.

Wie immer das im Einzelfall aussieht, rate ich zu einer neuen Kultur der echten Begegnung im Geiste der im Oktober stattgefundenen Synode. So könnte ein gegenseitiger Lernprozess entstehen, der vor Übertreibungen bewahren hilft und zugleich Perspektiven für die jeweilige innovative Weiterentwicklung eröffnet.

Das jeweilige Andere hilft dann, die eigene Identität zu finden und positiv zu leben. Pluralität auch im eigenen Bereich wertzuschätzen, das wäre ein wertvolles Zeugnis auch für eine zunehmend polarisierte und in Blasen aufgespaltene Welt.

Dialog mit neuen Aufbrüchen – das ist der Schlüssel Nummer 3.

Foto: Reise „Die Vielfalt des Omans erleben“ mit Weltweitwandern

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3 Kommentare
  1. Lieber Georg,

    Du weißt ja, dass Du in mir einen treuen Leser Deiner Blogs hast und ich Deine Arbeit für die Kirche sehr schätze.

    Bei Deinem heutigen Blog muss ich Dir allerdings widersprechen und eine ganz andere Erfahrung zum Thema „zunehmende Polarisierung, ja Spaltung zwischen traditionellen Kirchenwelten und den sogenannten neuen geistlichen Aufbrüchen“ wiedergeben, die eher dem „Im Grunde gut“ entspricht. Dein Blog kommt mir zu sehr in der Negativstimmung des Jammerns über das immer Schlechter daher, anstatt Ermutigung, die vielen Anzeichen eines Besser wahrzunehmen. Zumindest widerspreche ich Deinen pauschalen Aussagen der Zunahme der Polarisierung, denn das Spektrum an neuen geistlichen Aufbrüchen ist ja sehr breit. Ich erlebe seit gut 20 Jahren (nachdem Papst Johannes Paul II die neuen geistlichen Bewegungen am Petersplatz versammelt hatte) eine zunehmende gegenseitige Wertschätzung und Abbau von Vorurteilen. Was ich hingegen sehr wohl erlebe – wie auch im gesellschaftlichen Diskurs – einen zunehmende Polarisierung der Extreme / Radikale / Fundamentalisten, die wenige aber sehr laut sind. Die Päpste seit JP II bis Franziskus haben ja sehr dazu beigetragen, dass die neuen geistlichen Aufbrüche bis hin zu den freikirchlichen Initiativen wertgeschätzt werden als Ergänzung und Herausforderung zu traditionellen gewachsenen Strukturen und der Hierarchie.

    Insgesamt hat sich mein Eindruck einer zunehmenden gegenseitigen Wertschätzung und Abbau von Vorurteilen beim damals von Sabine Pelzmann 2018 begleiteten, von Bischof Krautwaschl angestoßenen Prozess der Neuorganisation des Laienapostolats nochmals deutlich bestärkt. Es war schade, dass die Bischofskonferenz das dann nicht aufgegriffen und fortgesetzt hat.

    Zum Abschluss noch eine große Zustimmung und Dank: ich wusste nicht, dass das Weltweit Wandern in Graz beheimatet ist und so ein RIESIGES Angebot entwickelt hat. Wirklich beeindruckend. Hab mir den Reisebericht über Albanien angeschaut und kann alles bestätigen! Kompliment an Deinen Grazer Komilitonen Christian Hlade!

    Herzlichen Gruß

    Egbert

  2. Lieber Georg, lieber Egbert,

    ich sehe es auch eher so, dass es zwar innerkirchlich viele Begegnungen zwischen traditionalistischen und „neueren“ Gruppierungen gibt, aber eines diese Begegnungen vermissen lassen: Die Bereitschaft zu einem Kompromiss.

    Da für die „Traditionalisten“ die Wahrheit der dogmatischen Grundannahmen unumstößlich ist und viele, sich aus der Tradition entwickelten Vorgaben, ebenso nicht zur Disposition stehen ist keine Begegnung mit einer kompromissbereiten Bewegung aufeinander zu möglich. Wenn es Grundwahrheiten und gewachsene Traditionen gibt, die nicht in Frage gestellt werden dürfen, als deren Hüter die „Traditionalisten“ sich verstehen, was bleibt dann noch an Möglichkeiten auf Augenhöhe miteinander einen Kompromiss zu finden? Im Prinzip nur die mündliche Zusage, dass jeder Mensch wertvoll und von Gott geliebt ist.

    Das selbe Phänomen begegnet uns im Umgang mit den vermeintlich „neuen“ Segnungen für homosexuelle Paare. Im kirchlichen Kontext laufen Kompromissfindungen meist so ab, dass die Ausrichtung und Blickrichtung der kirchlichen Würdenträger die dogmatische/traditionell gewachsene Wahrheit ist und nicht die Menschen, um die es geht. (An der Stelle würden mir sicher viele widersprechen). Es geht nie darum, dass Menschen unterschiedlicher Positionen in Beziehung zueinander um die Wahrheit ringen, sondern eine Seite steht mit der unumstößlichen Wahrheit in Beziehung und die andere Seite hat sich dieser Wahrheit ebenso unterzuordnen.

    Echte Beziehung unter Menschen, die alle geistige Personen (Transzendenzbezug) sind und Rollen spielen, sieht anders aus.

  3. Lieber Georg, danke für den Schlüssel Nr. 3. Mir scheint dieser wesentlich. In der Schweiz erlebe ich die Extreme von Kirche, die alles ändern möchten oder die auf allem beharren wollen. Der mittlere Teil der Kirche ist klein geworden. Sie wäre fähig Bisheriges loszulassen, weil die Zeichen der Zeit anders geworden sind, und Neues zu wagen, weil Christus auch heute noch in unserer Gesellschaft lebendig wirkt und lebt. Es ist eine Gabe auf beiden Seiten präsent zu sein und das Wertvolle beider Seiten zu entdecken, letztlich aber Christus selber und sein Dasein in der heutigen Situation ins Zentrum zu stellen. Wenn wir nichts verachten und doch dem Weg Jesu im Heute folgen, dann sind wir Kirche heute. Das wünsche ich uns von Herzen. Eine herzliche Gratulation zu 10 Jahren Pastoralinnovation! Setzt weiterhin mutig im Zentrum an und versutzt Wege zu entdecken, wohin wir heute gehen können. Danke. Pace e Bene Br. Paul

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