Süchtig gemacht nach „bad news“
Georg Plank

Süchtig gemacht nach „bad news“

„Stellen Sie sich vor: Morgen kommt eine neue Droge auf den Markt. Sie macht extrem süchtig und verbreitet sich in kürzester Zeit unter der Bevölkerung. Die Wissenschaftler recherchieren ausgiebig und kommen zu dem Schluss, dass die Einnahme der Droge, von Fehleinschätzung, von Risiken, Angst, negativen Gefühlen, anerzogener Hilflosigkeit, Feindseligkeit gegenüber anderen und Abstumpfung begleitet wird.

Würden wir die Droge einnehmen? Dürften unsere Kinder sie konsumieren? Würde die Regierung sie gar legalisieren? Die Antwort lautet dreimal ja.“

Bregman spricht hier von einer der größten Abhängigkeiten unserer Zeit. Von einem Suchtmittel, das wir jeden Tag konsumieren, das stark subventioniert und unseren Kindern in reichlichem Maße verabreicht wird. Die Nachrichten.

Er selbst, Jahrgang 1988, sei noch mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Nachrichten gut für die Entwicklung sind. Ein ordentlicher Bürger sollte regelmäßig Zeitung lesen und die Nachrichten anschauen. Je intensiver wir die Nachrichten verfolgen, desto besser sind wir informiert, desto gesünder ist die Demokratie. „Das ist immer noch die Geschichte, die Eltern ihren Kindern erzählen, aber Wissenschaftler kommen inzwischen zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Es gibt Dutzende Studien aus den Kommunikationswissenschaften, die belegen, dass Nachrichten der geistigen Gesundheit schaden.

Der Begründer dieses Forschungsbereichs, der sogenannten Kultivierungsanalyse, Professor George Gerbner (1919-2005), sprach bereits in den 1990er Jahren vom «Gemeine-Welt-Syndrom». Die klinischen Symptome sind Misanthropie, Zynismus und Pessimismus. Menschen, die die Nachrichten verfolgen, stimmen Aussagen wie «Die meisten Menschen denken nur an sich selbst» häufiger zu.“

Bregman analysiert: „Im digitalen Zeitalter werden solche Nachrichten noch weiter angeheizt. Früher wussten Journalisten nicht viel über die Konsumenten ihrer Nachrichten. Sie produzierten für ihnen unbekannte Massen. Die Leute hinter Facebook, Twitter und Google kennen einen hingegen sehr gut. Sie wissen, worauf man klickt. Sie wissen, was man am schockierendsten und gemeinsten findet. Sie wissen, wie man Ihre Aufmerksamkeit fesselt, um Ihnen dann die lukrativsten Anzeigen aufzutischen.“

Das Silicon Valley setze uns daher stets extremeres Material vor, das wir immer schneller anklicken. „Nachrichten sind für den Verstand“, merkt Rolf Dobelli an, „was der Zucker für den Körper ist.“

Vor ein paar Jahren habe er, Bregman, versucht, einen anderen Kurs einzuschlagen: „Ab sofort keine Nachrichten und kein Telefon mehr am Frühstückstisch. Ein gutes Buch von jetzt an. Geschichte. Psychologie. Philosophie. Doch bald schon stieß ich auf das gleiche Problem. Die Ausnahmen beherrschen auch die Bücher. Die meistverkauften Geschichtsbücher zum Beispiel handeln immer von Katastrophen und Misserfolg, Tyrannei und Unterdrückung. Krieg, Krieg und noch mal Krieg. Gibt es mal keinen Krieg, nennen Historiker diese Zeit «Interbellum», also Zwischenkriegszeit. Auch in der Wissenschaft hat sich seit Jahrzehnten ein trostloses Menschenbild durchgesetzt.“

Foto: Ausstellung „Les journées photographiques de Léhon – Renaissance du vivant“ des Léhon Audio Photoclubs in der Bretagne im Sommer 2023

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Ein Kommentar
  1. Ein zweiter Aspekt, der hier, meines Erachtens, genauso schwer wiegt, wie das Angebot an schlechten Nachrichten, ist das Konsummieren derselbigen. Denn wie bei jeder Droge braucht es auch hier jemanden, der sie nimmt. Die Situation verrät eigentlich mehr über unseren menschlichen Charakter als über das Angebot von „Drogen“. Wir sind intuitive und vernunftbegabte Wesen und es ist ein Geschäftsmodell unserer Intuition auszunutzen, seit jeher schon. Dagegen und für ein frei bestimmtes Leben arbeiten wir auch schon etwas länger. Momentan scheint diese Form des Abhängigmachens wieder aufsteigend zu sein, darum braucht umso mehr unsere Vernunft und ein positives Menschenbild, das dieser Entwicklung entgegentreten kann.

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