Georg Plank

13.4.2026: „Tragik der Projektion“

Jesus hat schon lange vor jeder Tiefenpsychologie die Tragik der Projektion erkannt, wenn er die Geschichte vom gütigen Vater erzählt, der seinen „verlorenen Sohn“ mit einem Freudenfest empfängt, während der ältere Bruder sich über die Huren alteriert, mit denen der Jüngere angeblich sein Vermögen durchgebracht hat. Davon war jedoch in der Erzählung überhaupt keine Rede. Es ist einzig die Fantasie/Projektion des braven Sohnes, der sich nach vielen Jahren Knechtsarbeit für den Vater noch Spannenderes vorstellen kann und dies einfach auf den jüngeren Bruder abschiebt (Lk 15,11-32).
Der Vergleich, den die Bergpredigt zu diesem Thema bringt, ist geradezu erschreckend. Jesus spricht vom „Splitter und Balken“ (Mt 7,3-5) im Auge. Das ist maßlos übertrieben, denn bekanntlich macht schon die geringste Kleinigkeit wie ein Sandkorn oder eine Wimper im Auge genügend Probleme und ein (Dach tragender) Balken passt noch viel weniger dorthin als „die Faust aufs Auge“. Eigentlich völlig absurd.
Doch in den Dimensionen der geistigen Weltsicht ist dieser Vergleich keineswegs übertrieben, denn die Auswirkungen der Projektion sind in der Tat enorm. Die abgespaltenen Seelenanteile werden auf die Anderen, meist Gleichgeschlechtlichen projiziert, als Feindbilder geortet und denunziert.
Aber dieses Spiegelfechten kann keine Lösung zwischenmenschlicher Probleme erbringen. Wir müssen zuerst unsere eigenen Projektionen erkennen und zurücknehmen. Und das bedeutet intensive Arbeit am eigenen Ich und braucht zudem auch eine unbestechliche begleitende Außensicht, um die eigenen blinden Flecken überhaupt realisieren zu können.

Quelle: Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Verlag Herder 2026, S. 104/105

Impuls: Wer oder was hilft mir, meine Projektionen zu erkennen und zu bearbeiten?

Foto: Hans Waltersdorfer, Fotograf, christlicher Liedermacher und Theologe im Haus der Stille.
Mehr unter https://www.werkstatt-waltersdorfer.at/ und unter https://www.haus-der-stille.at/

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