Eine der gravierendsten Veränderungen betrifft die biografische Prägung potenzieller Mitarbeiter:innen. Während frühere Generationen kirchlicher Haupt- und Ehrenamtlicher oft in lebendigen Gemeinden aufwuchsen, Ministrantendienste leisteten oder durch kirchliche Jugendarbeit geprägt wurden, fehlt diese Sozialisation heute zunehmend.
Junge Menschen, die sich heute für kirchliche Berufe interessieren, bringen häufig keine oder nur rudimentäre Gemeindeerfahrung mit. Sie kennen weder liturgische Abläufe noch pastorale Grundvollzüge aus eigener Anschauung. Die „selbstverständliche“ Vertrautheit mit kirchlichen Strukturen, Sprache und Kultur, die früher vorausgesetzt werden konnte, existiert nicht mehr.
Parallel dazu gelingt es einigen neuen kirchlichen Bewegungen, junge Menschen für ein intensives Glaubensleben zu begeistern. Oft völlig „unchurched“ aufgewachsen, entwickeln diese Neubekehrten Formen kirchlicher Vollzüge wie Gebet, Sakramentenpraxis und Gemeinschaftsleben, die wesentlich stärker ausgeprägt sind als bei Menschen aus traditionellen Pfarrgemeinden.
Auch unter diesen Zielgruppen gibt es nicht wenige, die einen kirchlichen Beruf anstreben. Sie können sich vorstellen, dass diese Diversität kirchliche Personalentwickler:innen vor große Herausforderungen stellt. Viele Spannungen und Konflikte prägen in Folge die Ausbildungszeit und die Arbeit in den Gemeinden.
Fehlende oder einseitige kirchliche Sozialisation in unterschiedlichen Ausprägungen hat weitreichende Konsequenzen. Sie erschwert die Identifikation mit der kirchlichen Sendung, macht Einarbeitungsprozesse langwieriger und führt nicht selten zu Frustration auf beiden Seiten. Gleichzeitig bringen diese „Quereinsteiger:innen“ oft frische Perspektiven und kritische Fragen mit, die etablierte Strukturen herausfordern und proaktiv bearbeitet werden müssen.
Typische Merkmale der neuen Generation kirchlicher Mitarbeiter:innen sind:
- Spirituelle Suchbewegung statt konfessioneller Selbstverständlichkeit
- Projektbezogenes Engagement statt lebenslanger Bindung
- Wertorientierung statt institutioneller Loyalität
- Partizipationserwartung statt hierarchischer Unterordnung
Die Herausforderung besteht darin, diese veränderten Voraussetzungen anzuerkennen und Wege zu finden, wie kirchliche Identität auch ohne traditionelle Sozialisation entwickelt werden kann.
So kenne ich einige Diözesen und Landeskirchen mit Onboarding-Modellen, die neue Mitarbeiter:innen mit wenig Sozialisation die Chance bieten, das traditionelle kirchliche Leben von der Pike auf zu erleben und kennenzulernen. Dabei haben sich einfühlsame und kompetente Mentor:innen bewährt. Zugleich werden der neue Blick und ihre Ideen für die Weiterentwicklung der Gemeinden, den diese Kolleg:innen einbringen, aktiv nachgefragt und ernsthaft besprochen. Natürlich ist nicht jede Idee brauch- oder umsetzbar, aber oft ergeben sich konkrete Möglichkeiten für spürbare Verbesserungen. Sie können sich vorstellen, wie motivierend das für alle Beteiligten ist!
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