Kirchliche Organisationen stehen vor einer doppelten Herausforderung: Während oft viele Bewerbungen eingehen, fehlt es oft an geeigneten Kandidat:innen mit der richtigen Kombination aus fachlicher Kompetenz, Teamfähigkeit und Vertrautheit mit Kirche und Glauben. Trotz notwendiger Sparmaßnahmen bleiben dann Planstellen unbesetzt – nicht nur bei katholischen Priestern und evangelischen Pfarrer:innen, sondern zunehmend auch bei Pastoralreferent:innen, Religionslehrer:innen und Fachkräften etwa in der Caritas oder Diakonie, in Bildung oder Kommunikation. Die neue Blogstaffel will Perspektiven aufzeigen, wie Pfarrgemeinden und kirchliche Einrichtungen durch strategische Personalentwicklung die richtigen Menschen gewinnen, halten und produktiv machen können.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Deutschland ist die Zahl der hauptamtlichen Seelsorger:innen in beiden großen Kirchen um über 20 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sinkt die kirchliche Sozialisation, der Vertrauensindex und das Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung kontinuierlich. Das führt zu einem Paradox: Trotz zahlreicher Bewerbungen – immerhin haben kirchliche Einrichtungen vielfach den Ruf, ein guter und sozialer Arbeitgeber zu sein – finden viele Diözesen, Landeskirchen und ihre Einrichtungen zu wenige passende Mitarbeiter:innen.
Die schnell vorgebrachte Erklärung, junge Menschen seien heute zu freizeitorientiert und bindungsunwillig, ja generell nicht am Glauben interessiert und überdies „egoistischer“, greift zu kurz und ist im Grunde eine haltlose Diffamierung. Tatsächlich zeigen Studien zur Arbeitsmotivation 2026, dass gerade die Generation Z durchaus bereit ist, sich langfristig zu engagieren. Allerdings müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Sie sind weniger interessiert an gutem Einkommen, Arbeitsplatzgarantie und Karriere als frühere Generationen, sondern suchen hochgradig nach Sinnhaftigkeit, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten. Genau hier liegen große Chance für kirchliche Arbeitgeber.
Diese Herausforderung verschärft sich durch die zunehmende Zahl von Bewerber:innen ohne klassische kirchliche Sozialisation. Menschen mit exzellenten Fachkompetenzen in Social Media, Sozialarbeit oder Bildungsmanagement bringen zwar die nötige Professionalität mit, benötigen aber gezielte Einarbeitung in das komplexe System Kirche mit seinen spezifischen Strukturen, Kulturen und theologischen Grundlagen.
Insbesondere die katholische Kirche steht vor einer historischen Herausforderung. Als ob nicht der dramatische Priestermangel genügend Sorgen bereiten würde, finden heute nahezu alle kirchlichen Berufe kaum noch ausreichend qualifizierten Nachwuchs. Einige Jahrzehnte brachten neue kirchliche Berufe wie Pastoralreferent:innen und Gemeindereferent:innen eine Entlastung vor allem im Bereich des Gemeindelebens, der Pfarrorganisation und der Betreuung von Ehrenamtlichen, aber die theologische Frage der Eucharistiefähigkeit einer Gemeinde wurde fahrlässig auf die lange Bank geschoben. Mittlerweile hat sich die Mehrheit der praktizierenden Katholik:innen daran gewöhnt, dass es auch ohne sonntägliche Messe „geht“. Eine Bankrotterklärung!
Diese neuen Berufe brachten auch frischen Wind in viele Gemeinden, sie waren divers (Männer und Frauen, Verheiratete und Unverheiratete etc.) und nutzten vielfach die kirchenrechtlichen Einschränkungen für neue Formen der Liturgie, der Sozial- und Bildungsarbeit und der Vergemeinschaftung. Innovative Initiativen strahlten von Pfarrgemeinden in die ganze Gesellschaft aus.
Doch nun? Auch die „neuen“ Berufe stagnieren oder können die Pensionierungen nicht durch ausreichend Nachwuchs wettmachen. Ebenso geht es auch vielen Ordensgemeinschaften. Selbst bei kirchlichen Verwaltungskräften und Mitarbeiter:innen in sozialen Einrichtungen singen Personalverantwortliche dasselbe Klagelied. Die Personalsituation in kirchlichen Organisationen hat sich also in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschärft und stellt Gemeinden, Diözesen und kirchliche Träger vor existenzielle Fragen.
Ich bin überzeugt: Dieser Nachwuchsmangel in allen Berufen ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Darunter liegen tiefer gehende strukturelle und noch entscheidendere kulturelle Probleme: fehlende Qualitäten und Kompetenzen bei Bewerbern, eine kaum noch vorhandene kirchliche Sozialisation junger Menschen und – besonders tragisch – eine dysfunktionale Organisationskultur, die Innovation und Engagement oft eher behindert als fördert.
Diese dreifache Herausforderung macht deutlich: Es geht nicht nur darum, mehr Menschen für kirchliche Berufe zu gewinnen. Es braucht eine grundlegende Neuausrichtung kirchlicher Personalarbeit. In den folgenden Blogartikeln beleuchte ich die Ursachen dieser Entwicklung und zeige Perspektiven für kirchliche Personalentwicklung und Führungskräfte auf.
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