Das chinesische Programm zur digitalen Inklusion und seniorengerechten Umgestaltung von Apps wurde Ende 2020 als staatlich verordnete Initiative ins Leben gerufen. Ziel war es, dem Phänomen der digitalen Kluft und Exklusion entgegenzuwirken, die Millionen ältere Bürger:innen in einer zunehmend bargeld- und papierlosen Gesellschaft betraf.
Ziele des Projekts
- Teilhabegarantie im digitalen Alltag: Vermeidung der Diskriminierung von Senior:innen bei täglichen Aufgaben (Bezahlen, Taxiruf, Termine beim Arzt, Behördengänge). Physische Schalter wurden nämlich in China rasant abgebaut.
- Schutz vor Betrug: Reduzierung von Finanzbetrug und Phishing, denen ältere, digital weniger versierte Bürger:innen häufig zum Opfer fielen.
- Verpflichtende Standards: Überführung von Barrierefreiheit von freiwilligen Projekten (z.B. Corporate Social Responsibility) in ein gesetzlich verpflichtendes Qualitätskriterium für Softwareunternehmen.
Das Ministerium für Industrie und Informationstechnik (MIIT) erließ Richtlinien, die Betreiber der populärsten Apps wie WeChat, Alipay, Taobao, Didi sowie Banking- und Gesundheits-Apps verpflichteten, spezielle „Senior Modes“ einzuführen.
Technische und gestalterische Vorgaben
- Visuelle Vereinfachung: Vergrößerte Typografie (mindestens 30–50 % größer als Standard), kontrastreiche Farben, Beseitigung von störenden Animationen, Overlays und Pop-ups.
- Radikale Reduktion auf Kernfunktionen: Die Benutzeroberfläche wird im Senioren-Modus von Dutzenden Icons auf 4 bis 6 Hauptfunktionen reduziert.
- Beseitigung digitaler Fallen: Verbot von Werbeeinblendungen, irreführenden Klick-Flächen wie „Pfeile“, die zu Abo-Fallen führen, sowie die Deaktivierung von automatischen Zahlungen oder Schnellkäufen
- Voice-First & KI-Assistenz: Ein-Klick-Sprachsteuerung wurde entwickelt, v.a. für Menschen mit Sehschwäche oder Mühe beim Tippen. Taxis lassen sich per Knopfdruck anfordern, ohne Zieladressen manuell einzutippen, denn das System nutzt den aktuellen Standort und lässt die Eingabe per Sprache zu.
Da die besten Senior-Modi nutzlos sind, wenn Ältere sie nicht finden oder aktivieren können, organisierten Nachbarschaftskomitees, Universitäten für Ältere und Freiwillige („Digital Mentors“) Zehntausende Schulungen vor Ort. Apps wie Alipay führten Funktionen ein, bei denen Kinder oder Enkel im Modus „Familien-Konto“ das Auslösen von Zahlungen der Großeltern aus der Ferne autorisieren oder einsehen können, um so Sicherheit zu gewährleisten.
Messbare Erfolge
- Flächendeckende Umstellung: Über 100 der meistgenutzten Webseiten und Apps Chinas wurden innerhalb von nur 18 Monaten seniorengerecht umgebaut.
- Explosiver Anstieg der Nutzung: Die Zahl der Internetnutzer:innen über 60 Jahre stieg spürbar an. 260–300 Millionen Senior:innen nutzen nun aktiv mobile Internetdienste.
- Alltagserleichterung: Beförderungen per App oder Einkäufe wurden für Millionen älterer Menschen wieder ohne Hilfe selbstständig nutzbar.
Misserfolge & Rückschläge
- Aktivierungshürden: Viele Senior:innen wussten schlichtweg nicht, wie sie in den Einstellungen den „Senioren-Modus“ aktivieren können, weil die Funktion zu tief in den Untermenüs versteckt war.
- Oberflächliche Umsetzung („Alibi-Modi“): Einige Entwickler vergrößerten lediglich die Schriftart der Startseite, ließen jedoch tiefer liegende Unterseiten unverändert klein und komplex.
- Wirtschaftlicher Widerstand: Tech-Konzerne verdienen an Werbung und Mikro-Transaktionen. Die Pflicht, im Senioren-Modus auf Werbung zu verzichten, führte stellenweise zu passivem Widerstand bei App-Updates.
Konkrete Anregungen für kirchliche Führungskräfte
Kirchliche Organisationen in Europa haben es auch mit vielen älteren Mitgliedern zu tun. Während zwar viel über Inklusion gesprochen wird, sind die digitalen und administrativen Zugänge zu kirchlichen Organisationen oft unnötig kompliziert, kleinteilig oder bürokratisch. Überprüfen Sie diese These im Gespräch mit ihren Eltern oder älteren Gemeindemitgliedern!
Wenn Anmeldungen zu Sakramenten oder Veranstaltungsinformationen komplizierte digitale Formulare oder unübersichtliche Webseiten bedeuten, schließt die Kirche Menschen aus. Einfachheit ist daher eine Form der Nächstenliebe. Digitale und analoge Zugänge müssen radikal von den Empfänger:innen her gedacht werden, nicht von der internen Verwaltungslogik.
China hat Apps vereinfacht, lässt den Nutzer:innen aber die Wahl. Analog dazu darf kirchliche Digitalisierung traditionelle analoge Wege nicht einfach beenden, sondern muss sie sinnvoll ergänzen. Wer Angebote digital anbietet, muss das so einfach machen, dass auch ein:e 80-Jährige:r ohne fremde Hilfe nachfragen, buchen oder spenden kann.
Schreibe einen Kommentar