Georg Plank

Vom Ant Forest-Projekt lernen

Das „Ant Forest-Projekt“ gilt weltweit als eines der erfolgreichsten Beispiele für „Digital-Gamified Reforestation“. Es wurde im August 2016 vom chinesischen Fintech-Riesen Ant Group / Alipay gestartet und zeigt eindrucksvoll, wie Verhaltenspsychologie, Big Data und Gamification, also spielerische Anreize, kollaborative ökologische Wirkung entfalten können.

Ant Forest verfolgte von Beginn an eine zweifache Strategie:

  1. Verhaltensänderung: Wie kann man Bürger:innen dazu zu bewegen, ihren CO₂-Fußabdruck im Alltag zu reduzieren (z. B. ÖPNV nutzen, papierlos bezahlen, gebrauchte Waren kaufen oder verkaufen etc.)?
  1. Reale ökologische Transformation: Ziel ist, die virtuellen Einsparungen in reales Aufforstungs- und Naturschutz-Engagement in von Wüstenbildung bedrohten Regionen Chinas umzusetzen.

Ökonomisch profitierte man von der Plattform-Kundenbindung: Neben dem Umweltziel war Ant Forest für Alipay ein profitables Instrument, um die tägliche App-Nutzungsdauer massiv zu steigern.

Ant Forest basiert auf dem Kreislauf „virtuelles Handeln – reale Auswirkung“.

Energiepunkte-Mechanismus: Jede nachhaltige Alltagshandlung wird anhand von Algorithmen in eine konkrete Gramm-Anzahl „Grüne Energie“ umgerechnet: 10.000 Schritte gehen ergibt 200 Gramm Energie; oder ein Papierticket im Bus sparen ergibt 80 Gramm; oder durch digitale Betriebskostenabrechnung Papier sparen bekommt man 260 Gramm etc.

Das digitale Wachstum: Die gesammelten Punkte fließen in einen virtuellen Baum auf dem Smartphone.

Reale Umsetzung: Ist der virtuelle Baum ausgewachsen (je nach Baumart erfordert dies 18 bis 150 kg grüne Energie), lösen die Nutzer:innen ein Zertifikat ein. Alipay finanziert daraufhin zusammen mit Partner-NGOs das Pflanzen eines realen Baumes in Nordwest-China und versieht diesen mit einer individuellen ID.

Der Erfolg beruhte maßgeblich auf clever integrierten Gamification- und Social-Engineering-Elementen, die zur Einbindung der Bevölkerung führten. Der spielerische Aspekt war und ist entscheidend für die hohe Beteiligung! Nutzer:innen sehen auch die Bäume ihrer Freund:innen in ihrer Kontaktliste. Sie können Freund:innen Energiepunkte „stehlen“ oder gemeinsame Familienstamm-Bäume/Partnerbäume pflanzen.

Transparenz & Live-Feedback: Über Satellitenbilder in Kooperation mit Raumfahrtbehörden und Echtzeit-Kameras vor Ort können Nutzer:innen per App zuschauen, wie ihre gepflanzten Bäume in der Wüste wachsen. Für jeden gepflanzten Baum erhalten die Nutzer:innen ein virtuelles Zertifikat mit GPS-Koordinaten. Dieses lässt sich in sozialen Medien teilen.

Messbare Erfolge

  • Partizipation: Über 650 Millionen Nutzer:innen, mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung, wurden aktiviert.
  • Konkreter ökologischer Output: Bis 2023 wurden bereits über 400 Millionen reale Bäume gepflanzt.
  • Auszeichnungen: Ant Forest war Gewinner des UN-Klimawandel-Preises „Momentum for Change“ (2019) und des UN-Umweltpreises „Champions of the Earth“.
  • Sozialer Nebeneffekt: Durch die Baumpflanzung und Pflege konnten etwa [Formel] Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen geschaffen werden.

 

Misserfolge & Kritikpunkte

  • Monokulturen & Wasserverbrauch: In den ersten Jahren gab es Kritik, dass v. a. schnellwachsende Monokulturen gepflanzt wurden, die in Wüstenregionen das Grundwasser zusätzlich belasten. Das Projekt stellte daraufhin auf heimische, trockenheitsresistente Arten um.
  • Gamification-Abhängigkeit: Viele Nutzer:innen nahmen nicht aus ökologischer Überzeugung teil, sondern um den Spiel-Anreiz zu bedienen.
  • Datenschutz & Surveillance: Das System trackt Bewegungs- und Bezahldaten intensiv, um Punkte zu vergeben. In westlichen Ländern wäre dieses Ausmaß an Tracking datenschutzrechtlich nicht ohne Weiteres umsetzbar und wünschenswert.
  • Greenwashing-Verdacht: Kritiker:innen hinterfragten, ob die CO₂-Einsparung im Alltag nicht im Verhältnis zu den Gesamtemissionen der Alipay-Muttergesellschaft Ant Group vernachlässigbar sei.

 

Anregungen für kirchliche Führungskräfte

Kirchliche Institutionen in stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Umweltinitiativen: Wie schafft man es, von der abstrakten Ethik („Bewahrung der Schöpfung“) den Sprung zur konkreten, freudvollen Alltagspraxis zu schaffen?

  • Kirchen arbeiten oft mit moralischen Appellen. Ant Forest nutzt „Nudging“, also sanfte Anstöße und positive Verstärkung durch spielerische Elemente. Sie vermeiden jegliche Zeigefinger-Mentalität. Motivieren auch Sie spielerisch, sichtbar und belohnend zu gutem Handeln!
  • Große Ziele (Klimaneutralität der Diözese/Landeskirche bis 2035) wirken lähmend. Ant Forest bricht komplexe Systeme auf die einzelnen [Formel] CO₂ runter. Zeigen Sie analog dazu auf, was die kleine Spende, das [Formel] Ehrenamt oder das Fahrradfahren zum Gottesdienst konkret bewirken.
  • Bei Ant Forest führt digitale Interaktion zu analogen, also realen Früchten, in diesem Fall zu echt gepflanzten Bäumen. Trennen auch Sie nicht zwischen „Online-Gemeinde“ und „Präsenz-Gemeinde“. Lassen Sie digitale Interaktion reale Veränderungen in der Gemeinde vor Ort auslösen.

Ant Forest zeigt, dass Engagement für das Gute nicht nur aus Einsicht entsteht, sondern aus Beziehung, Feedback, Sichtbarkeit und Freude. Gutes tun darf Spaß machen und lustig sein!

Weitere Artikel

Gründer Georg Plank veröffentlicht wöchentlich Impulse für mehr Innovationen in christlichem Spirit und freut sich über zahlreiches Feedback. In Zukunft planen wir weitere Blogs durch unsere Referenten und Ecclesiopreneure.

Georg Plank·-1 ·4 min. Lesedauer

Vom Ant Forest-Projekt lernen

Das „Ant Forest-Projekt“ gilt weltweit als eines der erfolgreichsten Beispiele für „Digital-Gamified Reforestation“. Es wurde im August 2016 vom chinesischen...

Georg Plank·Vor 1 Woche ·2 min. Lesedauer

Vom „Grain-for-Green“-Programm lernen

Das chinesische „Grain-for-Green“-Programm ist Teil eines der weltweit größten ökologischen Aufforstungs- und Kompensationsprojekte. In den letzten 40 Jahren wurden in...

Georg Plank·Vor 2 Wochen ·4 min. Lesedauer

Vom „Kubuqi Model“ lernen – die Wüste wird zum Garten

In der Kubuqi-Wüste in der Inneren Mongolei wird ein weltweit führendes Modell für die Kombination von Solarenergie, Wüstenbekämpfung und lokaler...

Georg Plank·Vor 3 Wochen ·4 min. Lesedauer

Vom Prinzip der „Schwammstädte“ lernen

„Schwammstädte“ bzw. „Sponge Cities“ werden weltweit zu einer Schlüssellösung für die städtische Wasserbewirtschaftung angesichts des Klimawandels. Unterschiedliche Städte wie Songdo,...

Schreibe einen Kommentar

Newsletter

Ich möchte am Laufenden bleiben.