Georg Plank

Vom Projekt „Time Bank for Elderly Care“ lernen

Die Idee, den Faktor Zeit als Alternativwährung zu nutzen, hat eine lange Tradition, und wird u.a. in der Schweiz oder in den Niederlanden auf unterschiedliche Weise umgesetzt. Die „Time Bank for Elderly Care“ in China ist eines der weltweit ambitioniertesten staatlich und kommunal geförderten Experimente, die dafür neue technologische Möglichkeiten nutzt. Dabei geht es v.a. darum, dem demografischen Wandel der Gesellschaft durch Reziprozität und soziale Zeitwährung zu begegnen.

Ziele des Projektes

China steht vor einer dramatischen Alterung. Man spricht von einem „4-2-1-Problem“: Ein Einzelkind muss für zwei Eltern und vier Großeltern sorgen. Die Time Bank versucht hier anzusetzen:

  • Abfederung des Pflegekräftemangels: Ergänzung der professionellen Pflege durch laienbasierte Nachbarschaftshilfe.
  • Aktivierung der „jungen Alten“: Jüngere Seniorinnen (50–65 Jahre) unterstützen hochaltrige Menschen (80+ Jahre).
  • Intergenerationeller Vertrag 2.0: Erzeugung einer gesellschaftlichen Währung („Zeit“), die jenseits von Geldwert Vertrauen und Versorgungssicherheit schafft.

 

Funktionsweise im Detail

Das Grundprinzip lautet: 1 Stunde geleistete Hilfe = 1 Zeit-Münze (Time Coin).

  • Dienstleistung: Es geht nicht um medizinische Pflege, sondern um Unterstützung bei Alltagstätigkeiten wie Einkaufen, Essen kochen, Begleitung zum Arzt, Vorlesen, Reparaturen im Haushalt, Gesellschaft leisten etc.
  • Speicherung & Abhebung: Die eingezahlten Zeitstunden werden auf einem zentralen Sparkonto, meist digital über Apps wie WeChat oder spezialisierte Plattformen gutgeschrieben.
  • Einlösung: Wenn die Helfer:innen selbst alt oder pflegebedürftig werden, können sie die ersparten Stunden für eigene Pflege- oder Unterstützungsleistungen abrufen

 

Die Mobilisierung der Bevölkerung erfolgte über eine Kombination aus traditioneller Nachbarschaftsstruktur und moderner Technologie:

  • Einbindung der traditionellen Nachbarschaftskomitees: Die lokalen Wohngebietsverwaltungen dienten als dezentrale Anlaufstellen, um Vertrauen bei älteren Menschen aufzubauen.
  • Anerkennung & Social Credit: Neben der Zeitgutschrift erhielten besonders aktive Helfer:innen öffentliche Ehrungen im Stadtteil und teilweise Vergünstigungen bei öffentlichen Diensten wie beim Nahverkehr.
  • Intergenerationelle Projekte: Gezielt wurden auch Studierenden eingebunden, die gegen günstige Mieten oder Bonuspunkte an Unis Stunden in Zeitbanken ansparen konnten.

 

Messbare Erfolge

  • Hohe Reichweite: Städte wie Shanghai, Nanjing und Guangzhou haben die Time Bank fest in ihre städtische Altenpflegestrategie integriert. Allein in Nanjing sparten über 50.000 Helfer:innen Millionen von Stunden an.
  • Einsamkeitsbekämpfung: Signifikante Steigerung der Lebensqualität bei hochaltrigen Personen durch regelmäßige soziale Kontakte
  • Kostenentlastung: Massive Einsparungen im kommunalen Sozialhaushalt für niedrigschwellige Betreuung

 

Misserfolge & Schwachstellen

  • Das „Generationen-Risiko“: Die größte Hürde ist das Vertrauen. „Ist meine vor 20 Jahren eingezahlte Zeitstunde in 20 Jahren noch etwas wert? Wer garantiert mir, dass es dann noch genügend junge Helfer:innen gibt?“
  • Standardisierung & Qualität: Ungleichmäßige Qualität der Hilfeleistungen und mangelnde Haftungsregeln bei Unfällen oder Schäden im Haushalt.
  • Überbürokratisierung: Der Aufwand, jede halbe Stunde digital zu validieren und missbrauchsicher zu verbuchen, kann bremsend wirken.

 

Anregungen für kirchliche Führungskräfte

Kirchliche Träger und Gemeinden verfügen über gute Voraussetzungen für Time-Banking-Systeme, da sie auf Vertrauen und Räumen vor Ort aufbauen können.

Kirche könnten Räume schaffen, in denen Zuwendung nicht nach Minutenabrechnung wie bei Pflegekassen gemessen wird, sondern nach menschlicher Beziehungszeit.

Da nun die Generation der Babyboomer in Rente geht, die oft sinnstiftende Aufgaben sucht, sich aber oft nicht mehr starr an traditionelle Ehrenämter binden möchte, könnte eine Zeitbank Flexibilität und Reziprozität bieten.

Kirchen können das Vertrauensproblem staatlicher Zeitbanken lösen und garantieren, dass eingezahlte Zeit nicht verfällt.

Ein digitales kirchliche Zeit-Konto, organsiert durch Diözesen oder Landeskirchen, könnte allen Gemeinden zur Verfügung stehen: Gemeindemitglieder engagieren sich in der Seniorenbetreuung, Demenzbegleitung oder Haushilfe. Die Stunden fließen auf ihr persönliches Zeitkonto.  Wenn die Helfer:innen später selbst Unterstützung oder Caritas/Diakonie-Leistungen benötigen, wird das Zeitguthaben berücksichtigt.

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Gründer Georg Plank veröffentlicht wöchentlich Impulse für mehr Innovationen in christlichem Spirit und freut sich über zahlreiches Feedback. In Zukunft planen wir weitere Blogs durch unsere Referenten und Ecclesiopreneure.

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