Georg Plank

Vom „Kubuqi Model“ lernen – die Wüste wird zum Garten

In der Kubuqi-Wüste in der Inneren Mongolei wird ein weltweit führendes Modell für die Kombination von Solarenergie, Wüstenbekämpfung und lokaler Armutsbekämpfung umgesetzt. Dieses „Kubuqi Model“ ist Teil des gigantischen „Great Solar Wall“-Projekts in China.

Ziele des Projekts

  • Wüstenbegrünung & Sandsturmeindämmung: Die Kubuqi-Wüste war die siebent größte Wüste Chinas und eine Hauptquelle für verheerende Sandstürme, die regelmäßig Peking und andere nordchinesische Städte lahmlegten.
  • Erneuerbare Energien & Agri-Photovoltaik: Nutzung der immensen Sonnenstunden zur sauberen Stromerzeugung bei gleichzeitiger landwirtschaftlicher Nutzung unter den Photovoltaik-Panelen (Drei-in-Eins-Konzept: Strom, Bepflanzung, Viehzucht).
  • Sozio-ökonomische Transformation: Schaffung neuer und nachhaltiger Arbeitsverhältnisse für die Wüstenbewohner:innen

Detaillierte Umsetzung als Drei-Schichten-Modell:

  • Obere Schicht: Hochgestellte Solarpaneele fangen die Sonnenenergie ein. Gleichzeitig brechen die Modulreihen den Wind und reduzieren die Windgeschwindigkeit am Boden um bis zu 50 %, was die Dünenwanderung bremst.
  • Mittlere Schicht: Die Paneele werfen Schatten und senken so die Bodenoberflächentemperatur. Die Verdunstung von Bodenfeuchtigkeit sinkt um 20 bis 30 %.
  • Bodenschicht: Unter den Modulen werden dürreresistente Pflanzen wie Süßholz, Sanddorn und Futtergräser angebaut. Süßholz bindet Stickstoff im Boden und erhöht die Bodenfruchtbarkeit. Ergänzend werden Enten, Hühner und Schafe zwischen den Paneelreihen gehalten, die das Gras kurz halten und den Boden natürlich düngen.

Gemeinsam mit dem chinesischen Privatunternehmen Elion Resources Group und staatlichen Stellen wurden dafür spezielle Wasserdruck-Pflanztechniken entwickelt. Ein Setzling wird innerhalb von zehn Sekunden mit einem Wasserstrahl tief im Dünenboden verankert, ohne die empfindliche Krume zu zerstören.

Die Einbindung der Bevölkerung war bei diesem Modell stärker als im zentralgesteuerten China üblich. Man setzte auf ein wirtschaftliches Anreizmodell. Hirt:innen verpachteten ihr unnutzbares Wüstenland. Viele lokale Bewohner:innen wurden für das Montieren der Paneele, das Bepflanzen und die Wartung geschult und bezahlt. Außerdem wurden Kooperativen für die Viehzucht oder den Anbau von Medizinalpflanzen (Süßholz) unter den Anlagen gegründet.

Messbare Erfolge

  • Begrünungsrate: Über ein Drittel, unglaubliche 6.000 km² der Kubuqi-Wüste wurde bisher begrünt oder stabilisiert.
  • Energieausbeute: Das Gesamtkraftwerkssystem wächst auf über 10 Gigawatt im Rahmen des solaren Wüstenstrom-Netzes an.
  • Armutsreduzierung: Über 100.000 lokale Wüstenbewohner:innen wurden aus der Armut gehoben; das Pro-Kopf-Einkommen in der Region vervielfachte sich.
  • Rückgang von Sandstürmen: Die Zahl der jährlichen Sandstürme in der Region sank von im Schnitt 50 auf unter 5 pro Jahr.

 

Misserfolge & Rückschläge

  • Grundwasserbelastung: Die Reinigung der gigantischen Modulflächen erfordert Wasser. In extrem trockenen Jahren führt das zu Konflikten mit der Wasserversorgung der Bevölkerung.
  • Monokulturen & ökologisches Ungleichgewicht: Zu Beginn wurden teilweise schnellwachsende, nicht-heimische Pflanzenarten gesetzt, die zu viel Tiefenwasser verbrauchten und später abstarben. Erst der Wechsel zu heimischen Wüstenarten brachte Stabilität.
  • Netzengpässe: Wie bei vielen chinesischen Megawatt-Projekten in der Wüste hinkte der Bau der Ultra-Hochspannungsleitungen zur Abnahme des Stroms in den Millionenstädten an der Ostküste zeitweise hinterher.

 

Was können kirchliche Führungskräfte vom „Kubuqi Model“ lernen?

  1. Das Synergie-Prinzip – Mehrfachnutzung von Ressourcen

In Kubuqi dient dieselbe Fläche gleichzeitig der Energiegewinnung, dem Klimaschutz, der Landwirtschaft und der Arbeitsplatzschaffung. Kirchliche Räume und Güter werden oft rein monofunktional genutzt. Führungskräfte sollten Räume und Ressourcen konsequent auf Mehrfachnutzung prüfen. Ein Gemeindehaus könnte etwa tagsüber ein Coworking-Space sein, abends Bildungs- und Begegnungsort und zugleich auf dem Dach grüne Energie erzeugen.

  1. Das Anreiz- und Partner-Modell

Erfolgreich wurde Kubuqi nicht durch Appelle, sondern weil die lokale Bevölkerung wirtschaftlich direkt profitierte. Analog darf Engagement in Kirchen keine reine Aufopferung sein. Wenn ehrenamtliche oder zivilgesellschaftliche Partner in kirchliche Projekte eingebunden werden, müssen Win-Win-Situationen entstehen. Z. B.: Soziale Start-ups erhalten günstige Räume und unterstützen im Gegenzug die Gemeindearbeit.

  1. Regenerative Strategie statt reine Schadensbegrenzung

Das Projekt stoppte nicht nur den Verfall in Form von Wüstenbildung, sondern kehrte ihn in einen produktiven Zustand um. Dagegen erschöpft sich kirchliches Handeln oft im Verwalten des Rückgangs. Die spannende Frage – auch aus theologischer Perspektive – ist: Wie kann man von einer defensiven Mangelperspektive zu einer regenerativen Entwicklungsperspektive wechseln, sprich: Wo und wie können aus Wüsten wieder blühende Gärten werden?

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