Kippelemente – Zeichen der Zeit
Georg Plank

Kippelemente – Zeichen der Zeit

Kippelemente nennt man sensible Bereiche, die bei Überschreitung kritischer Schwellen irreversible Veränderungen auslösen können. Von entscheidender Bedeutung sind in der Klimaforschung der Grönländische und Westantarktische Eisschild, der Amazonas-Regenwald oder die ozeanische Zirkulation im Nordatlantik. Selbstverstärkungsmechanismen zwischen diesen Elementen können zu raschen, nicht umkehrbaren Veränderungen führen.

Die Frage stellt sich, ob im kirchlichen Bereich solche Kipppunkte bevorstehen oder eventuell bereits erreicht wurden. Wenn man die Erosion der volkskirchlichen Traditionen im deutschsprachigen Raum als Anhaltspunkt nimmt, muss man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass einige Kipppunkte schon lange überschritten wurden und so irreversible Veränderungen ausgelöst haben. Denken Sie zum Beispiel an das Ende der engen Bindung von Kirchen an weltliche Machthaber, an die Selbstbestimmung aufgeklärter Menschen in Fragen der persönlichen Lebensführung oder an die Akzeptanz moderner Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrechte. Diese Phänomene sind zwar gut erforscht, werden aber nach wie vor zu wenig in den konkreten strategischen Planungen kirchlicher Führungskräfte berücksichtigt. Anders ließe sich nicht erklären, warum bei der Zuweisung von personellen oder finanziellen Ressourcen kaum die Wirksamkeit oder Funktionalität der jeweiligen Bereiche berücksichtigt wird. Nach wie vor werden Bereiche erhalten, die nicht nur kaum Erfolge vorweisen, sondern messbar dysfunktional und kontraproduktiv wirken.

Seit der Jahrtausendwende lassen sich unter anderem folgende Kritikpunkte verstärkt feststellen:

  • Massiver Vertrauensverlust und mangelnde Glaubwürdigkeit
  • Unverständliche, als abgehoben empfundene Sprache
  • Mangelnde Relevanz für das eigene Leben und die gesellschaftlichen Fragen
  • Rückständigkeit in Fragen zeitgemäßer medialer Kommunikation und digitaler Kompetenzen
  • Fehlende Pluralitätsfähigkeit

Heißt das, dass alles schlecht ist? Natürlich nicht, aber wenn diese Mängel nicht behoben werden, drohen sie, zu Kipppunkten zu werden, deren Überschreitung auch das viele Gute in Mitleidenschaft zieht. Bevor man neue Strategien oder Angebote entwickelt, müssen die Ursachen dieser Schwachstellen bekämpft werden analog zur unausweichlichen Reduktion des klimaschädigenden Ausstoßes von anthropogenen Treibhausgasen.

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