Nach Auschwitz
Georg Plank

Nach Auschwitz?

Einen breiten Raum im Buch „Im Grunde gut“ nimmt die Sozialpsychologie ein. Warum? Bregman: „Wenn es stimmt, dass der Mensch von Natur aus ein gütiges Wesen ist, dann wird es jetzt Zeit für die unvermeidliche Frage. Die Frage, warum mehrere deutsche Verlage nur wenig Interesse an meinem Buch hatten. Eine Frage, die mir beim Schreiben immer wieder durch den Kopf spukte. Wie erklärt man Auschwitz?

Oder anders ausgedrückt: Wie erklärt man Überfälle und Pogrome, Völkermorde und Vernichtungslager? Wer waren Adolf Hitlers willige Henker? Wer die von Stalin? Von Mao? Von Pol Pot?

Nach dem Mord an mehr als sechs Millionen Juden stellten sich Literatur und Wissenschaft der Nachkriegszeit die Frage, wie der Mensch so grausam sein kann. Anfangs war es offenbar verführerisch, anzunehmen, die Deutschen seien nur eine andere Tierart. Dass alles an ihrer verklemmten Psyche lag, der barbarischen Kultur und nichts mit uns, den normalen Menschen, zu tun hatte.

Das Problem dabei: Das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit wurde nicht in einem primitiven Land begangen. Es geschah in einem der reichsten Länder der Erde, dem Land von Kant und Goethe, Bach und Beethoven. Vielleicht war die Zivilisation doch keine Schutzschicht. Vielleicht hatte Rousseau doch recht, und die Zivilisation wirkte wie ein Gift.

Es gab eine wissenschaftliche Disziplin, auch wenn sie noch jung war, die mit dem beunruhigenden Beweis aufwartete, dass es dem modernen Menschen in der Tat an etwas Grundlegendem mangelte.“

Bregman spricht von der Sozialpsychologie. In den 1950er und 1960er Jahren versuchten Psychologen herauszubekommen, was nötig gewesen war, um Menschen in Monster zu verwandeln. In einer Reihe von Experimenten zeigten sie, dass gewöhnliche Menschen zu schrecklichen Dingen fähig sind. Man muss nur an wenigen Stellschrauben drehen, und voilà: Dann kommt in jedem von uns ein Nazi zum Vorschein.

„In den Jahren, als das Buch »Der Herr der Fliegen» ein Bestseller wurde, bewies ein junger Wissenschaftler namens Stanley Milgram, dass Menschen treu und brav Befehle dubioser Behörden befolgen. Der Mord an einer jungen Frau in New York bildete die Grundlage für Hunderte Studien über Apathie in den modernen Zeiten. Und dann waren da noch die Experimente von Professor Muzafer Sherif und Professor Philip Zimbardo. Diese beiden Psychologen bewiesen, wie aus netten Jungs KZ-Schindern werden können.

Mich faszinierte, dass all diese Untersuchungen relativ kurz hintereinander stattfanden. Es waren die Wildwestjahre der Sozialpsychologie. Jungspunde konnten sich mit ihren schockierenden Experimenten schnell einen Ruf erwerben.

Inzwischen sind wir mehr als 50 Jahre weiter. Die Wissenschaftler der Vergangenheit sind gestorben oder reisen als renommierte Professoren durch die Weltgeschichte. Ihre Experimente sind berühmt und bis heute Lehrstoff für neue Generationen von Studenten. Aber inzwischen wurden auch die Archive zu diesen Nachkriegsexperimenten geöffnet. Zum ersten Mal können wir einen Blick hinter die Kulissen werfen.“

Wenn Sie die Details dieser Nachforschungen im Buch „Im Grunde gut“ lesen, werden Sie erkennen, wie stark diese Experimente und ihre Deutungen unser Denken und unsere Politik bis heute bestimmen. Und wie unwissenschaftlich und falsch sie sind!

Foto: Ausstellung „Les journées photographiques de Léhon – Renaissance du vivant“ des Léhon Audio Photoclubs in der Bretagne im Sommer 2023

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2 Kommentare
  1. Lieber Georg,

    vielen Dank für diese bemerkenswerte Buchvorstellung. Konnte einige Sichtweisen und Meinungen auf den Prüfstand stellen und musste erfahren, dass nicht nur „die anderen“ ihre Vorurteile pflegen.
    Bin gespannt auf Deine weiteren Beiträge.
    Liebe Grüße
    Josef

  2. Weil diese erwähnten Experimente nicht wirklich wissenschaftlich verwertbar sind, so bleibt für uns die Frage immer noch unbeantwortet, warum diese Vernichtung im 2. Weltkrieg und später unter kommunistischen Machthabern überhaupt diese Dimension erreicht hat. Es bleibt offen, warum heute diese Tendenzen wieder stärker in der Gesellschaft und in der Politik auftauchen. Also werden wir uns um eine komplexe Antwort für soziologische Entwicklungen nicht herumdrücken können. Was mulitfaktoriell ausgelöst wurde braucht auch viele Erklärungsstränge, um es verständlicher zu machen. Verständlich ist hier nur analytisch und nicht moralisch gemeint.

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